life stream (2014)

für Stimme, 2 analoge Diktiergeräte und live-Elektronik

1. 404 not found

2. stack overflow

3. motherboard

4. CPU utilization 99%

Uraufführung am 27.11.2014 am Theater Rüsselsheim mit Julia Mihály.

life stream entstand im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Bildenden Künstlerin und Malerin Inge Besgen für das intermediale Kooperationsprojekt „Lebenslinien“.

Zwei Frauen, zwei Männer werden von der Künstlerin über ihr Leben befragt, der Psychoanalytiker Dr. Rainer Paul fertigt aufgrund dieser Auskünfte charakterliche Gutachten an, eh diese an einen Komponisten übergeben werden, der sich vom Testat über die ihm Unbekannten zu einem Musikstück inspirieren lässt.

Was dabei entstand, ist kein Portrait der Interviewten, sondern meine Interpretation der Sichtweisen des Psychoanalytikers Dr. Paul, der wiederum keinen persönlichen Kontakt zu den Befragten hatte, sondern diese lediglich über Kassetten-Aufnahmen kennt, auf denen die von Inge Besgen geführten Interviews zu hören sind. Ich befand mich also quasi auf der dritten Interpretationsebene; die nächste Interpretatorin in dieser Reihe ist die Sängerin / der Sänger auf der Bühne, das letzte Glied in dieser Reihe ist dann das Publikum. Es ist also allenfalls die Interpretation einer Interpretation einer Interpretation…

In meine Kompositionen fließt grundsätzlich auch immer vorgefundenes Material mit ein. Das beginnt schon mit der Wahl des Notenpapiers: Ich habe keines nach Asien mitgenommen, wo der größte Teil der Komposition entstanden ist; also benutze ich das Papier, das ich in Asien gefunden habe – chinesische Schulhefte. Ebenso gehe ich mit dem akustischen Material um: die Mitschnitte der Interviews sind in Form von „Witterungsbildern“ (siehe dazu weiter unten) genauso in die Komposition eingeflossen wie die Klänge, die mich beim Kompositionsprozess in Asien umgeben haben.

 

Felix Leuschner lifestream

Elektronik:

– 2 analoge Diktiergeräte (z.B. Olympus S701), inkl. 5 Kassetten

– 6 Lautsprecher

– 1 Kontaktmikrofon für das Notenpult (z.B. KORG CM-200)

– 2 Mikrofone auf Stativen für die Diktiergeräte (z.B. Neumann KM 184)

– 1 Mikrofon für die Stimme (z.B. DPA 4066 F)

– optional: 1 alternatives Mikrofon für die Stimme in Nr.4 (wie z.B. Shure SM-58 oder AKG-D5)

– 1 Laptop

– 1 Audio-Interface mit (mindestens) 5 Inputs und 6 Outputs

– 1 Controller (z.b. Fußschalter oder KORG nanoKontrol)

Das Computerprogramm für dieses Stück (geschrieben in Max/MSP) beinhaltet die Echtzeit-Audioverarbeitung der Mikrofon-Inputs und ist als Standalone beim Komponisten erhältlich.

Des Weiteren wird ein Zuspielband benötigt, das auf die Diktiergeräte aufgespielt werden muss. Auch dieses ist beim Komponisten erhältlich.

Aufbau:

Felix Leuschner Aufbau lifestream

Mikrofoneingänge:

Mikrofon 1: für das linke Diktiergerät

Mikrofon 2: für das rechte Diktiergerät

Mikrofon 3: für die Stimme

Mikrofon 4: wegen der erhöhten Lautstärke in Nr. 4 kann die Verwendung eines alternativen, dynamischen Mikrofons für die Stimme sinnvoll sein

Mikrofon 5: wird an das Notenpult geclipt, um die Blättergeräusche zu verstärken

Witterungsbilder:

Mein Gestaltungsprinzip der „Witterungsbilder“ bezieht sich auf den Maler Yves Klein, der seine Blätter und Leinwände in der Natur auslegte und sie mit der Zeit von den klimatischen Einflüssen in einem ungeregelten Prozess ausgestalten ließ.

– visuelle Witterungsbilder: Das Blättern ist Bestandteil der Musik und wird vom Kontaktmikrofon am Notenpult verstärkt und in die live-Elektronik eingespeist. Daher sind alle Blättervorgänge der labyrinthischen Blätteranweisungen in Nr. 1, der „Murmel-Seiten“ in Nr. 3 und der Zeitungsseiten in Nr. 4 als Teil des Musizier-Vorganges zu verstehen.

– akustische Witterungsbilder: Der Mitschnitt eines Interviews ist zu einer Unmenge winziger, nur wenige Millisekunden dauernden Tonfetzen zusammengeschnitten. Das Ergebnis ist eine Sammlung kurzer, allen Sinn verlierenden Klangschnipsel als akustische Momentaufnahme des jeweiligen Interviews. Ebenso werden Witterungsbilder vom live-Gesang im Moment der Aufführung generiert und treten quasi als eine Art Delay mit der Interpretin / dem Interpreten in Interaktion.

Zu den einzelnen Sätzen:

1. „404 not found“

– Der Mitschnitt eines Interviews ist zu einer allen Sinn verlierenden Collage winziger, nur Sekundenbruchteile dauernder Tonfetzen zusammengeschnitten. Das Gesagte wurde mehrfach durch die Übersetzungsprogramme verschiedener Sprachen eines Internet-Dienstes gejagt und die Sängerin / der Sänger verliest den so gewonnenen Nonsens-Text. Ein Duktus bleibt, der Sinn verschwindet.

– Benötigt werden 2 Kassetten und 2 Diktiergeräte.

– Die Interpretin / der Interpret wechselt ständig die Blickrichtung. „Nach vorne“ bedeutet, sie/er singt mit dem Gesicht dem Publikum zugewandt. „Nach hinten“ bedeutet, sie/er wendet sich vom Publikum ab und singt mit dem Rücken dem Publikum zugewandt. Hier bietet es sich an, sich nicht um 180° zu drehen, sondern nur um etwa 135°, so dass das Publikum noch einen Blick auf das Gesicht der Sängerin / des Sängers behält. Das Abwenden dient dem „sich aus der Öffentlichkeit der Bühne zurückziehen“, dem „Üben im intimen, geschützten Raum der Privatheit“.

– Das linke Diktiergerät wird im Vorfeld mit dem Stück Nr.1 auf der Zuspiel-CD bespielt. Das rechte Diktiergerät mit dem Stück Nr.2. Dazu halte einfach das jeweilige Diktiergerät vor die Lautsprecher deiner Stereoanlage, mit der du die Zuspiel-CD wiedergibst. Der dadurch entstehende „Qualitätsverlust“ des Klanges ist intendiert. Du erschaffst gerade dein eigenes Witterungsbild, verhindere also bitte nicht eventuelle „Störgeräusche“ in deinem Zimmer (wie Kindergeräusche, Baustellenlärm oder ähnliches).

– Die beiden Stücke auf der Zuspiel-CD bestehen aus vielen kleinen, nur wenige Sekunden dauernden Klangstücken, die wiederum durch 2-sekündige Pausen voneinander getrennt sind. In der Partitur sind diese einzelnen kurzen Klangstücke als „Track“ bezeichnet. Bei der Spielanweisung „Track ##“ spielt die Interpretin / der Interpret den jeweiligen Track ab und stoppt die Wiedergabe des Diktiergerätes dann in der 2-sekündigen Pause. Mit der Wiedergabe wird bei der nächsten Anweisung „Track ##“ fortgefahren.

– Die live-Elektronik besteht hier aus 6 verschiedenen Witterungsbildern, die live von dem Gesang der Interpretin / des Interpreten in unterschiedlichen Aufnahme-, Aufnahmeintervallzeiten erstellt werden und in unterschiedlichen Abspielzeiten und -geschwindigkeiten nach einem kanonartigen Prinzip wiedergegeben werden.

2. „stack overflow“

Felix Leuschner life stream Nr2

– Eine Endlos-Schleife auf dem Notenpapier, ein/e gegen die immer dominierender werdende Elektronik ansingende/r Interpretin / Interpret.

– Benötigt werden 2 Kassetten und 2 Diktiergeräte.

– Die Interpretin / der Interpret wählt sich ein Startmodul und eine Bewegungsrichtung durch die Endlosschleife der Partitur. Sie/Er singt sich durch die einzelnen Module, jedes Modul ist durch eine 2- bis 7-sekündigen Pause voneinander getrennt.

– Sie/Er singt 6 Minuten lang, beginnend im mp mit einem der dynamischen Entwicklung der live-Elektronik entgegen gerichteten, stetigen decrescendo bis ins pp.

– Im Probenprozess werden die letzten (also lautesten) 2 Minuten auf die Diktiergeräte aufgenommen (auf jedes Diktiergerät jeweils ein anderer Durchlauf).

– Die live-Elektronik steigert sich 6 Minuten lang von pp bis hin zu ff. Nach 6 Minuten reisst der Klang der Elektronik abrupt ab, der Gesang endet ebenfalls, die Interpretin / der Interpret hält mit ausgestreckten Armen (wie ein Gekreuzigter) die Diktiergeräte an die Mikrofone und spielt die in den Proben aufgenommenen letzten 2 Minuten ab. Die beiden Diktiergeräte werden dann kurz vor Ablauf der aufgenommenen 2 Minuten gemeinsam abrupt abgestellt.

– Die live-Elektronik besteht hier aus live erstellten Witterungsbildern der Stimme, verschiedenen Ringmodulatoren, Harmonizern, Spectral Delays, Spectral Harmonizern und Feedbackschleifen.

3. „motherboard“

Felix Leuschner life stream Nr3_S90– Ein grübelnd sinnierendes Brummen und Murmeln zum Geräusch durchblätterten Papiers, ein Blättern im Buch der eigenen Erinnerungen.

– Benötigt wird 1 Kassette und 1 Diktiergerät.

– Das Diktiergerät wird hier zum „Fotoapparat“ der Erinnerungen, zum Versuch des Festhaltens des eben Gemurmelten.

– sempre p

– Jede „Murmel-Seite“ dauert zwischen 0 und 7 Sekunden.

– Auf den „Stille-Seiten“ hält die Interpretin / der Interpret für einen kurzen Moment inne und kommentiert dann ihre/seine eigenen Gedanken / Erinnerungen mit einer beliebigen Emotion, wie z.B. vor sich hin schmunzeln, seufzen, Kopf schütteln, Resignation, Lachen, usw.

– Die gesungenen Stellen sind auf einem beliebigen dunklen, undeutlich artikulierten Vokal irgendwo zwischen [o] und [u] angesiedelt.

– Die live-Elektronik besteht hier aus live erstellten Witterungsbildern der Stimme, verschiedenen Ringmodulatoren, Harmonizern, Feedbackschleifen, Filterungen und 6-Kanal-Spatialisation.

4. „CPU utilization 99%“

– Ein schrilles, zupackendes Stimm-Sortiment, noch verstärkt von perkussiven „Beat-Fragmenten“ und den „haptischen“ Geräuschen der Mikrofone am Notenpult.

– sempre ff, außer wenn anders angegeben

– Jede Seite hat eine Zeit-Angabe in Sekunden, innerhalb derer der auf der jeweiligen Seite abgedruckt Notentext wiedergegeben werden soll.

– Die live-Elektronik besteht hier aus verschiedenen Ringmodulatoren, Harmonizern, Spectral Delays, Spectral Harmonizern, 4-Kanal-Spatialisation und aus (aus dem Audio-Input) live generierten, perkussiven „Filter-Drum“-Beat-Fragmenten.